Mit cleanen Websites einen Unterschied machen – ein Gastartikel von °Cleaner Web

Das Internet hat ein Nachhaltigkeitsproblem

Das Internet stellt auch eine Ursache für den Klimawandel dar, doch das ist noch nicht stark genug im allgemeinen Bewusstsein verankert. Das ändert allerdings nichts daran, dass das Web für 2 bis 4% aller weltweiten CO₂-Emissionen verantwortlich ist. In Deutschland sind es 22 Milliarden Kilogramm CO₂, die jährlich durch Internetnutzung verursacht werden.

Trotzdem wird die digitale Sphäre nicht mit der Klimakatastrophe in Verbindung gebracht, denn sie wird generell als “sauber” wahrgenommen. Am Heimarbeitsplatz gibt es keine rauchenden Schornsteine, die Lieblings-App produziert keinen Plastikmüll und beim Videocall mit Verwandten wird im Normalfall kein Baum gefällt. Es gilt also, einen Trugschluss aufzuklären, wenn wir als Gesellschaft die Natur weniger belasten möchten: Das Internet ist ein “Klimakiller”.

Ein nachhaltiges Internet ist möglich

Die gute Nachricht zuerst: Niemand wird auf das Internet verzichten müssen. Die schlechte Nachricht: Techniken, die bereits existieren, werden viel zu selten angewandt. Dabei sind längst Wege bekannt, wie der Stromverbrauch für Infrastruktur, Hardwareproduktion, Speicherung, Auslieferung und Nutzung der Daten aus dem Internet gedrosselt werden könnte.

Meist geht es darum, die Größe der zu übermittelnden Daten und den damit verbundenen Rechenaufwand zu minimieren.

 

Websites, die klimabewusst sind

Noch steht das Wissen darüber, wie man das Internet nachhaltiger gestalten kann, selbst bei vielen Entwickler*innen und Designer*innen recht am Anfang. Dennoch entsteht ein Bewusstsein und eine Bewegung um ein “grünes Internet”. Und das schließt auch klimabewusste Websites mit ein. Website-Betreibende können ihre Website mit ein bisschen Know-How recht einfach selbst „carbon-emission-optimieren“, um CO2-Äquivalente einzusparen. Aber auch Konsument:innen können etwas tun, denn ein großer Teil der Emissionen entsteht am Endgerät der Nutzenden.

Doch wie geht das? Boykott? “Bewusstes Surfen”? Ab jetzt nur noch Vollkorn-Laptops kaufen?

Ja und Nein.

Ansetzen, wo der meiste Strom entsteht

Wo die größten Datenmengen hin und her geschickt werden, entstehen auch die meisten Emissionen. Das sind meistens Video- oder Bild-Dateien. Wenn wir mal eben ein bisschen Netflix schauen, sind schnell einige Gigabyte an Daten verbraucht. Und das hat seinen Preis: Alleine durch Video-Streaming wurde 2018 so viel Strom verbraucht, wie der komplette Stromhaushalt Spaniens. Das bedeutet: Hier liegt ein riesiges Einsparpotenzial.

Wie können wir mit Videos klimafreundlicher umgehen?

Für Konsument:innen kann das bedeuten: Schaut euch das Video nicht immer auf höchster Qualitätsstufe an! Besonders, wenn ihr einen kleinen Screen nutzt, ist die 4k-Qualität sowieso nicht erkennbar, egal wie gut eure Internetverbindung sein mag. Wie ihr die Qualitäts-Einstellungen auf YouTube vornehmt, seht ihr in diesem Link.

Für Website-Betreibende heißt das: Videos entweder auf der eigenen Website gar nicht erst nutzen, oder sie so einbinden, dass sie in einer noch adäquaten Qualität verfügbar sind – und nur dann laden, wenn ein*e Seiten-Besucher*in das Video auch sehen will.

Der enorme Umfang von Video-Daten, die übertragen werden müssen, fällt übrigens genauso bei Videokonferenzen ins Gewicht. Daher: Wenn ihr in der nächsten Videokonferenz sitzt, schaltet doch einfach nach der Begrüßungsrunde eure Kamera aus. Das ist nicht nur gut fürs Klima, sondern auch fürs Wohlbefinden.

Die eigene Website nachhaltig gestalten

Was für Videos gilt, gilt genauso für Bilder: Es muss nicht immer die absolute Hochglanz-Version sein, es reicht oft auch ein kleineres Bild, um einer Website ein ansprechendes Gesicht zu verleihen.

Darüber hinaus können Einstellungen am Server Wunder wirken – oder die Wahl eines grünen Hosts, der seine Server mit erneuerbaren Energien betreibt.

Auch Aspekte wie Design, Skript-Qualität und richtige Formatierung spielen eine Rolle, um hier nur einige zu nennen.

 

Weitere Tipps für nachhaltige Websites:

 

Bilder, Videos, Animationen

  • Autoplay von Videos
  • Lazy Load für Bilder
  • Verwendung moderner Bildformate wie WebP oder AVIF
  • Responsive Bildgrößen
  • Webgerechte Kodierung der verwendeten Bilder
  • Effiziente Animationen

Skripte

  • Gesamtgröße aller geladener Skripte
  • Ungenutztes JavaScript
  • Laufzeiten JavaScript
  • Effizienter Einsatz von Modulen in JavaScript Paketen
  • Legacy JavaScript nur an veraltete Browser ausliefern
  • Minimierung der JavaScript Dateien

CSS

  • Umfang der CSS Dateien
  • Minimierung der CSS Dateien

Server

  • Energiemix der verwendeten Server
  • Caching auf dem Server einsetzen
  • Datenübertragung
  • Text-Kompression am Server
  • Verwendung von HTTP/2
  • Verwendung von HTTPS
  • Anzahl der Netzwerkanfragen

Weitere Punkte

  • Browser-Cache
  • Gesamtgröße der Website
  • Komplexität und Umfang der Seite über die DOM-Größe
  • Umfang des Hauptablaufs des Rendering-Moduls
  • Gesamtgröße aller geladenen Schriften
  • Redirects
  • Ladezeitpunkt von Drittanbieter-Code

Impact: Wie viel kann eingespart werden?

Natürlich sind die Auswirkungen einer einzelnen optimierten Website nicht global spürbar. Je nachdem, wie groß und viel genutzt eine Webseite ist, kann es aber durchaus zu beträchtlichen Einsparungen bei nur einer Website kommen. So entstehen durch die Website der BILD nach unseren Berechnungen rund 363,67 Tonnen CO₂ im Jahr, von denen bei gründlicher Optimierung durchaus der Großteil eingespart werden könnte.

Der Grund für den unnötig hohen Energieverbrauch der Website liegt nicht nur an den schon genannten Videos und blinkenden Bildern auf der Website, sondern auch im Verborgenen. Große Drittanbieter-Scripte, die den Usern Werbung ausspielen, Besucherdaten auswerten, Verkäufe organisieren etc. setzen oft eine Kettenreaktion in Gang, die an unzähligen Servern für Aktivität sorgt – und damit für Emissionen. Wie hoch diese sind, ist nur sehr schwer zu ermitteln, da diese Branche ihre Intransparenz zelebriert. Der wahre Fußabdruck der BILD-Website liegt also sogar noch über der messbaren Zahl.

Der summierte Impact, wenn viele Websites klimabewusst optimiert werden, kann tatsächlich recht hoch sein. Denn die meisten Webseiten können schon über recht einfache Maßnahmen 30 bis 50 Prozent ihres ökologischen Fußabdrucks reduzieren.

Eigene Website testen lassen

Wer seine eigene Website testen lassen möchte, um zu erfahren, wie viel Emissionen sie freisetzt und wo Einsparpotenziale liegen, kann sich an die Organisation °Cleaner Web wenden. Sie testen Websites und geben Optimierungstipps – und an besonders gut aufgesetzte Websites vergeben sie ein Gütesiegel für klimabewusste Websites.

Nicht nur Website-Betreibende, auch die Politik muss ins Handeln kommen

Wenn alle Website-Betreibenden sich an bestimmte Standards halten würden, wäre das Internet also ein durchaus sauberer Ort – und unser Klima weniger betroffen.

Doch bisher gibt es von der Politik noch kein Zeichen, was das Thema “grünes Internet” angeht. Dabei könnte durch die Gesetzgebung leicht Einfluss ausgeübt werden, wenn zum Beispiel der Einsatz von besonders schädlichen Praktiken verboten würde, etwa die Autoplayfunktion für Videos. Bis dahin liegt es weiterhin an den Betreiber:innen selbst, sich und andere zu informieren und Verantwortung zu übernehmen.

Was wir alle tun können: Klimabewusste Website als Sprachrohr

Gerade Unternehmen und Organisationen, denen Nachhaltigkeit wichtig ist, sollten das Thema auch bei ihrer Website nicht vergessen. Das wäre nicht nur ein wichtiger Schritt für den Klimaschutz, sondern auch eine Frage der Glaubwürdigkeit und der gesellschaftlichen Vorbildfunktion, die sie erfüllen.

Damit sich etwas ändert, muss einerseits Aufklärung stattfinden und andererseits die eigene Website optimiert werden. Schritte dahin könnten sein:

  • Die eigene Website analysieren und optimieren.
  • Eine offizielle Prüfung einleiten und das Siegel für klimabewusste Websites erhalten.
  • Darüber kommunizieren – per Öffentlichkeitsarbeit und mit einer Klimaschutzerklärung auf die Website.
  • Fortlaufend und regelmäßig prüfen und weiter optimieren.

Denn nur, wenn wir alle an einem Strang ziehen, wird die Vision eines “grünen Internets” wahr – denn der Klimawandel bietet keinen Aufschub.

Geschrieben von Hannah Magin.
Hannah ist Webdesignerin und Kommunikationsexpertin. Für ihre Organisation
°Cleaner Web auditiert sie Websites, hält Vorträge und berät zum Thema. Sie wohnt in Berlin, aber ist auf der ganzen Welt zu Hause.

Transparenzhinweis: WECHANGE hat seine Website durch °Cleaner Web auditieren lassen. Die Ergebnisse unseres Audits fließen in das andauernde Redesign sowie in alle weiteren Änderungen an unseren Seiten ein. Weil wir von unserem Audit begeistert waren, haben wir Hannah nach einem Gastartikel über Nachhaltigkeit im Web und die Tätigkeit Ihrer Organisation auf unserem Blog angefragt. Wir bedanken uns für die Zusammenarbeit.

 

Titelbild: Brett Sayles/Pexels